Appetizer, Mormonen und Stoff: zwergwerk 12 festival-preview

Die 12. Oldenburger Kurzfilmtage finden, wie passend, im November 2012 statt. Bevor das “zwergWERK”-Kurzfilmfestival” vom 21. bis 25.11.2012 6 Kultureinrichtungen in Beschlag nimmt, wurde zum festival-preview im “Polyester Oldenburg” am 15.11.12 eingeladen

Appetizer, Mormonen und Stoff

Als kleines Appetit-Häppchen zeigte das zwergWerk-Team am 15.11.12 im Polyester eine Auswahl Kurzfilme des diesjährigen Programms. Unterstützend wurde nach jedem der drei Kurzfilm-Blöcke ein Kurz-Theaterstück der Gruppe “Kajak” des Oldenburger Uni-Theaters aufgeführt.

Gefühle von Leichtigkeit und ein Hauch von Sehnsucht

Mit “the feast (Ralf Hildenbeutel)” von Boris Seewald (D 2011, 3 min) wurde die Preview-Veranstaltung im umfunktionierten Tanzbereich des Oldenburger Kult-Club “Polyester” mit melodischer Musik eröffnet. Im Musikvideo zu modernen “Melodie-Electro” à la Ratatat, sehen wir Tanzgruppen aus gutgekleideten Damen und Herren. Eine andere Zeit, ein anderer Tanzstil und S/W-Aufnahmen treffen moderne Musik und Betrachter. Erzeugt werden Gefühle von Leichtigkeit und Sehnsucht nach einer anderen Zeit. Es ist die Zeit der tanzenden Menschen um 1950, die einfach glücklich wirken. Bei aller Schönheit schwingt ein Hauch Wehmut mit.

Ralf Hildenbeutel – The Feast from Boris Seewald on Vimeo.

Im Folgenden wurde eine wilde Mischung verschiedenster Genres und Stile gezeigt. Schade, dass die Kurzdokumentation “Der Tunnelwärter” von Sebastian Weis und Sebastian Roncal-Villanueva (D 2012, 4 min) sehr kurz geraten ist. Der Protagonist, ein Tunnelwärter, der von seinem langweilig-wirkenden Job voller Liebe, Motivation und Stolz erzählt, wird als Charakter so stark und sympathisch in Szene gesetzt, dass die 4 Minuten einfach zu schnell vergehen. Trotzdem sind die erlebten 4 Minuten sehr unterhaltend. Ein positiver Eindruck bleibt, wie die Hoffnung auf eine Langversion des “Tunnelwärters”, bestehen.

Zart, niedlich und herzlich

“Ein Schuh geht barfuß” vin Jie Lu (D 2011, 13 min) brilliert mit einigen unglaublich gelungenen Momenten. Ein kleines Mädchen steht vor einer Schlange von Jungs, die sich nacheinander standardisierten Sprüchen vom Mädchen trennen. Zart, niedlich und herzlich. Leider wird die innerfilmische Geschichte nicht wirklich nachvollziehbar dargestellt, obwohl eine sehr narrative Form für den Kurzfilm gewählt wurde.

Den meisten Appetit auf die Kurzfilmtage konnte “the brain modulator” von Florian Rau (D 2011, 4 min) erzeugen. Der Kurzfilm im Stil einer Fernsehwerbung der 50er-Jahre verspricht aktivere Studenten durch implantieren einer Schraube im Gehirn. Es gibt viele Momente zum Lachen, weil die Idee zu absurd klingt. Die eigentliche Stärke des Films sind aber die implizierten Hoffnungen, Wünsche und Verheißungen der 50er-Jahre an die neuaufkommenden technischen Möglichkeiten. “The brain modulator” macht auf die Veranstaltung “Stollen 3: Vorsprung durch Technik?” (24.11.12, Cine K) Laune.

Meilenstein in der “Schwulen-Bewegung”

Die 3 begleitenden Kurz-Theaterstücke der Gruppe “Kajak” waren unterhaltend und für den Laien im Publikum wohl gut gespielt. Im ersten Stück versuchte ein Angestellter in der Kommentar-Sparte eines Magazins seinen Ex-Freund zur Veröffentlichung seines Essays unter seinem richtigen Namen zu bewegen. Der Essay sei ein möglicher Meilenstein in der “Schwulen-Bewegung” und würde den Autor als homosexuell outen. Dieser möchte aber aufgrund seiner Dozenten-Tätigkeit an einer Universität im US-Staat Utah nicht das Risiko eingehen, deshalb vom mormonischen Dekan entlassen zu werden. Leider lässt sich keine Entscheidung zwischen Drama oder Komödie treffen; leider wirkt das Stück auch nicht perfekt ausbalanciert. Witzige Elemente, implizierte Gesellschaftskritik, von allem etwas.  “Kajak” konnte den Filmblöcken eine schöne Struktur geben, schaffte es aber nicht jeden (Kurz-)Film-Fan von den Kinosesseln zu lösen.

Rechtschreibfehler im Programmheft

Insgesamt war es ein sehr unterhaltender und entspannter Abend in freundlicher Kurzfilm-Freunde-Runde. Symptomatisch für das kleine, etwas auf den letzten Punkt organisierte aber liebevolle Oldenburger Kurzfilm-Festival; wurde der Einlass-termin im Polyester schlecht kommuniziert, keine langwierigen Reden geschwungen und etwas holprig das Thema des Wettbewerb “Spontan getan!” ausgelost. Mit einem Lächeln wurde auf mögliche Rechtschreibfehler im Programmheft hingewiesen, wer bis Ende der Veranstaltung einen findet bekommt eine Freikarte. Keinen scheint das zu stören. Hier wird nicht das Perfekte erwartet, sondern eine kulturelle Institution für Kurzfilm-Kultur in Oldenburg geschaffen. Zum Glück zum 12. Mal.