“Stollen 1: Zwischen Menschen” | Alzheimer, Waffen & Naiv-sein

Im Rahmen der Oldenburger Kurzfilm Tage wurde das erste Internationale Kurzfilm-Programm “Stollen 1” am 22.11.2012 im Programmkino “Casablanca – Oldenburg” gezeigt. Dem übergreifenden Thema “zwischen Menschen”, wollte die “Stollen 1-Filmauswahl” durch filmischen Einblick in Lebenssituationen gerecht werden.

“Stollen 1: Zwischen Menschen”

Alzheimer, Waffen & Naiv-sein

kalte Novemberluft, laute Gespräche

Unerwartet aber mit einem bestimmenden Ruck geht die schwere Tür des Vorführraumes auf. Nach der Verleihung des “Oldenburger Kurzfilmpreis” (18-21 Uhr) strömen Zuschauer und Beteiligte der zwergWerk-Veranstaltung aus “Kinosaal 2” des “Casablanca”-Programmkino. Der kleine Hof vor dem Eingang, vor Sekunden noch verlassen und still, füllt sich schnell mit Menschen. Feuerzeuge zippen, Zigarettenrauch steigt in die kalte Novemberluft, laute Gespräche über Filme beginnen. Welche Filme gezeigt und gekürt wurden, bleibt für den Außenstehenden ein Geheimnis. Enttäuscht wirkt aber keiner der nun im Hof Anwesenden.

Christian Wichmann, erster Vorsitzender des “zwergWerk”-Teams, bittet im Jackett gekleidet wieder in den Saal. Nach der Kurzfilmpreis-Verleihung, kann “Stollen 1” mit kurzer Verzögerung starten. Kurze Begrüßung und Film ab!

keine Kraft, Motivation oder Willen

“Inmovil” von Helio Mira (Spanien 2012, 9 min) eröffnet das Programm; düster und distanziert. Aus der Perspektive eines passiv im Bett liegenden Sohn, der keine Kraft, Motivation oder Willen zeigt, abwechselnd zu schlafen und stumpf in den Raum zu starren, verfällt der Zuschauer auch in die passive Rolle des Ertragen und Schauen. Seine Familie und Ärzte können keinen Grund für die jahrelange Bettlägerigkeit finden. Im Moment, als die Inszenierung die Spannung und das Interesse der Zuschauer zu verlieren droht, schafft die Filmgeschichte eine unerwartete Wende und Endet konsequent. Insgesamt ein wirklich schönes Werk, besonders, weil es keine unnötige Länge aufbaut und die 9 Minuten weder überlädt, noch Spannung abbaut. Die OmengU*-Vorführung auf Spanisch erhält die Authentizität und verstärkt die Distanz zwischen den handelnden Personen und dem passiven Zuschauer / Protagonisten.

* Original mit englischen Untertitel

Von “Becks” bis “OBI”; von “Hornbach” bis “Weller-Bier”

“Synkope” von Nora Fingerscheidt (D 2012, 25 min) zeigt in den, im Abspann eingebetteten, Danksagungen eine Fülle an Firmenlogos. Von “Becks” bis “OBI“; von “Hornbach” bis “Weller-Bier“: Entweder scheinen viele Firmen die Filmproduktion unterstützt zuhaben oder Frau Fingerscheidt ist besonders Großzügig mit Danksagungen. Eine übermäßige, gar störende Anwesenheit von “product-placement” kann im Film über einen Vater und seine, selbstempfundene Einsamkeit, aber nicht entdeckt werden. Vater Matthias will für seine frisch verlobte Tochter und ihren künftigen Bräutigam eine Party geben. Auch Matthias Ex-Frau und Mutter seiner Tochter kommt mit neuem Freund. Die frisch Verliebten wollen ins Ausland ziehen. Die Verlobten nach Polen, die Ex-Frau und ihr Mann in Richtung Atlantik. Ein zunächst fröhliches Fest in familiärer Atmosphäre schlägt im Filmverlauf in ein kleines Familien-Drama um. Nicht die Härte oder Brutalität bringen den Film so nah an den Zuschauer. Es ist die nachvollziehbare Situation in der sich alle Befinden, die diesen Film emotional auflädt. Die eigene Meinung zum Vater-Charakter schwingt zwischen Mitleid, Wut und Befangenheit. Irgendwie unangenehm, trotzdem ein sehr ehrliches Werk.

“Bunny” von Seth Poulin (Kanada 2011, 11 min) thematisiert das Zusammenleben mit einem an Alzheimer-Erkrankten. Ebenfalls ein eher unangenehm, trauriges Werk; schwere Thematik, starke Filmcharaktere und eine wirklich ergreifende Personenkonstellation / Story zeichnen diesen Kurzfilm aus. Ein sehr zugänglicher, ergreifender Film.

kryptisch und verschlossen

Gegensätzlich zu “Bunny” ist “Motor” von Simine Bennet (Niederlande 2012, 9 min) eher kryptisch und verschlossen. Ein Apartmenthaus in dem alle Bewohner Paranoid sind. Ein eher verwirrender als leicht zugänglicher Film. “Motor” scheint mehr als Zeit als die 9 Minuten der Vorführung zu brauchen. Nicht für den Film selbst, sondern für das konzentrierte Nachdenken über das Gesehene. “Motor” hätte besser am Anfang oder Ende des Kurzfilm-Programms gepasst. Selbst ein paar wenige, ruhige Minuten nach dem Film, hätten diesem schon sehr geholfen.

kugelsichere Weste, Sturmgewehr, Kampfmesser

Die Mockumentary “Nachbarschaft” von Michael Thorne (D 2012, 5 min), über einen bewaffneten, selbsternannten Gesetzeshüter der Nachbarschaft, gleitet von witzigen und absurden Momenten zu Bildern der völligen Distanz zwischen Protagonist und Publikum. Der Familien-Vater will sich, seine Kinder und die Nachbarschaft vor steigender Kriminalität und Gewalt schützen. Seine Mittel: Waffen und Selbstjustiz. Die Kamera fährt in Nahaufnahme über den Körper des Gesichtslosen-Protagonisten, schwere kugelsichere Weste, Sturmgewehr, Kampfmesser. Eine Spannende Geschichte mit unglaublich viel Potenzial, toller Kamerabilder und filmischer Umsetzung; leider mit 5 Minuten wirklich schnell vorbei.

Als der Filmabend im “Casablanca” seine zeitlichen Zenit überschritten hat und der Körper nach einer Erfrischung und der Geist nach einer kurzen Erholung verlangt, gelingt dem “zwergWerk”-Team mit der Auswahl von “The Devil” von Jean Gabriel Périot (FR 2012, 7 min) wieder Schwung in die Veranstaltung zu bringen. Mit lauter Musik untermalt und von schnellen Schnitten getragen, zeigt dieser Film über die antirassistischen Bewegungen in Amerika der 1960er-Jahre. Es sind starke Bilder von Demonstrationen, Polizeigewallt und Protestkultur, die Périot in seinem Film zeigt. Über den Titel könnte weiterführend nachgedacht und diskutiert werden, leider ist dafür aber keine Zeit.

das Ausbrechen aus kleinbürgerlichen Familien-Verhältnissen

Das Programm ist voll und Friederike Hoppes Film “Naiv sein und wissen, dass das ein Weg ist” (D 2011, 30min), soll mit einer 30 minütigen Geschichte über den Ausbruch aus einer kleinbürgerlichen Familien, durch Vertonung der eigenen Lebenswelt, den Abend schließen. Ein liebevolles Erstlingswerk einer jungen Filmerin mit vielen sehr starken Momenten.  “Von diesen NPD-Playern hab ich schon gehört! Und jetzt schleppst du hier auch noch sowas an!” Wenn die Hausfrau und Mutter den neuen Mp3-Player der Tochter mit diesen Worten bedeckt, fällt das Schmunzeln nicht schwer. Leider gibt es auch einige schwache Momente in denen der erste Blick über den Tellerrand des Elternhauses als Lebensphilosophie dargestellt wird. Wahrscheinlich ist es aber genau diese Abgrenzung zur Elterngeneration, welche den Film mehr als nur “Naiv” nennen lässt.

Eine kurze, aber sehr sympathische anschließende Diskussion mit der Regisseurin konnte den Abend im “Casablanca” gut beenden. Die deutlich kleinere Gruppe von Zuschauern, die nach der Verleihung des Oldenburger Kurzfilmpreis wieder den Kinosaal betreten hat, verlässt ebenfalls gut gelaunt das Kino und verschwindet in der kalten Novembernacht.